Ihr Ukrainefachmann

Ich spreche passabel Deutsch, nicht perfekt, weil ich bis zu meinem 37. Lebensjahr in der Ukraine lebte. D. h. ich bin deutscher Bürger, aber in der ersten Generation. Und diejenigen, die in meinem Alter das Land wechseln, können die Fremdsprache bis ans Lebensende nicht perfekt beherrschen. Auf alle Fälle, kenne ich solche Talente nicht.

Ich schreibe Bücher in denen ich  meine Gedanken zu Papier bringe (nach dem Motto: „Gut schreibt nicht der, der gut schreibt, sondern der, der gut denkt“) und meine Frau setzt alle nötigen Kommata und Adjektivendungen richtig und macht manchen verqueren Gedanken verständlich. Eine Übersicht zu meiner Autorentätigkeit finden Sie hier BÜCHER.

1990 kam ich mit meiner Familie aus Kyjiw (so sprechen und schreiben heute die Ukrainer ihre Hauptstadt; Kiew ist eine russischsprachige Transliteration) nach Deutschland, weil ich 1975 ein Mädchen aus der DDR geheiratet hatte, wir erst lange Jahre in der Ukraine lebten und drei Kinder bekamen. Kennengelernt haben wir uns in einer internationalen Studentenbaubrigade, ein inzwischen vergessenes Wort, da Kyjiwer und Leipziger Unis Partner waren (und vermutlich noch sind).

Ich absolvierte 1977 die Fakultät für Journalistik der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw. Anschließend arbeitete ich bei den Zeitungen Jugend der Ukraine und Kyjiws’ka prawda. Bei der letzteren ausgerechnet in der Zeit der Tschernobyl-Katastrophe. Da Tschernobyl zu unserem Zeitungsvertriebsgebiet gehörte, war ich als Journalist in der Stadt am Kernkraftwerk und in dem Werk selbst vor dem GAU, aber auch kurz danach. Glücklicherweise, spüren weder meine Familie  noch ich irgendwelche Folgen der radioaktiven Bestrahlung. Seit Tschernobyl versuche ich aber die Anzahl der Röntgen-Untersuchungen auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren und lächle zu den Beteuerungen der Ärzte, sie seien „vollkommen harmlos“ nur müde. Keiner von uns Sterblichen kann wissen, wann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt (oder Krebs auslöst), herunterfällt… Wer mehr über die Tschernobyl-Tage in Kyjiw erfahren will, kann das in meinem Ukraine-Buch nachlesen.

Von der Ausbildung her bin ich Fernsehjournalist, habe jedoch nie fest beim Fernsehen gearbeitet. Meine Kommilitonen luden mich aber Ende der 1970er Jahre ein, die Show Glücksseite im ukrainischen Fernsehen zu moderieren. Was ich auch lange Zeit tat. Später haben Fernsehhistoriker herausgefunden, dass das die erste Show im ukrainischen Fernsehen war. Deshalb bin ich, historisch gesehen, ein ukrainischer Kollege von Günther Jauch.

Mich faszinierte schon damals mehr das geschriebene Wort. Deshalb schrieb und publizierte ich neben dem harten Pensum bei Tageszeitungen schon damals einige Bücher. Eine satirische Komödie von mir (Schabaschetschka – über die unverwüstliche Korruption im Lande) lief im Kyjiwer Theater des Filmschauspielers. Einer der führenden Regisseure der damaligen Ukraine, Serhij Dantschenko, wollte mein Stück Cheopspyramide auf die Hauptbühne der Ukraine (Kyjiwer Iwan-Franko-Theater, wo er Intendanz inne hatte) bringen, verkündete so eine Absicht sogar in der Zeitung. Aber dazu kam es nicht mehr: 1990 wechselten wir nach Deutschland. Und damals war es in der Ukraine nicht üblich, Stücke  emigrierter Autoren auf die Bühne zu bringen.

In Deutschland arbeitete ich zunächst als Redakteur der Leipziger Anderen Zeitung, war dann als Auslandskorrespondent für einige ukrainischen Zeitungen tätig. Um die kapitalistische Lebensweise besser zu verstehen, habe ich die Fakultät für Wirtschaft und Recht der Ukrainischen Freien Universität in München besucht und 1997 als Wirtschaftsmagister absolviert. Von 2000 bis 2005 war ich Redakteur des ukrainischen Programms des Radiosenders Deutsche Welle in Köln und Bonn und musste fast sechs Jahre zwischen Leipzig und NRW pendeln. Irgendwann mal war das mir und der Familie zu viel.

Zwischendurch schrieb ich auch hier Bücher (manche erschienen auch im Ausland), die mir kein Vermögen, aber gewisse innere Zufriedenheit und gewisse Publicity brachten. Man schreibt Bücher bekanntlich vor allem für sich selbst.

Jetzt schreibe ich für ukrainische und deutsche Medien zum Thema Osteuropa und Deutschland, aber nicht sehr viel, weil einige meiner Ansichten nicht ganz mit dem kompatibel sind, was Medien gern hätten. Inzwischen habe ich verinnerlicht, dass die liberale Meinungsfreiheit darin besteht, dass Journalisten das schreiben dürfen, was sie denken, die Verleger aber das publizieren, was sie für richtig halten. Unter den Kommunisten, ich kann das bezeugen, war das nicht viel anders.

Ich habe mich für die (echte) Meinungsfreiheit, die Seelenruhe, aber damit gegen das Honorar entschieden.

Und lebe so.